Fotopraxis

Goldene Stunde

Goldene Stunde auf dem Lande, Nikon D5300, Tokina f/2.8 11-16 mm, 16 mm KB, 1/125s, f/11, ISO 100

Goldene Stunde auf dem Lande

Als goldene Stunde wird das Zeitfenster kurz nach dem Sonnenaufgang und kurz vor dem Sonnenuntergang bezeichnet. Die Sonne fällt im spitzen Winkel auf die Erde. Durch den tiefen Sonnenstand wird das Licht abgeschwächt, die Wellenlänge von blau gestreut. Es nimmt deshalb eine warme Farbe an, die schnell von Gelb über Orange zu Rot wechselt – oder umgekehrt. Das weiche Licht bringt eine tolle Atmosphäre, der Himmel leuchtet und die tief stehende Sonne modelliert mit dem Streiflicht die Landschaft aus.

Goldene Stunde – Blaue Stunde

Die Blauen Stunde, welche in der Stunde nach dem Sonnenaufgang und vor dem Sonnenuntergang herrscht, ist zum Fotografieren deshalb sehr beliebt, weil sich das blaue Licht mit dem warmen Kunstlicht mischt und tolle Farbkontraste zum Vorschein bringt.

Die Goldene Stunde stellt Sie vor einige Herausforderungen: Oft herrscht ein hoher Kontrast zwischen den hellsten und dunkelsten Stellen Ihres Motivs. Die schnell ändernde Farbtemperatur kann zu starken Farbverschiebungen führen und bei Aufnahmen im Gegenlicht müssen Sie das Streulicht im Auge behalten.

Der Weg zur Linde goldene Stunde
Der Weg zur Linde goldene Stunde; Huawei 20P Pro, 27 mm KB, 1/900s, f/1.8, ISO 160

Wann ist die goldene Stunde?

Die Goldene Stunde dauert nicht exakt eine Stunde, sondern ist von der Jahreszeit und vom Aufenthaltsort abhängig. Ein tolles Smartphone-App, mit dem Sie Aufnahmen in der Goldenen Stunde planen können, ist PhotoPills (Android, Apple). Im PLANER sehen Sie, dass am ausgewählten Tag die Goldene Stunde morgens von 7:14 bis 8:14 Uhr, am Abend von 18:04 bis 19:05 Uhr dauert – ziemlich genau eine Stunde.

Planer PhotoPills Blaue Stunde Goldene Stunde

Am 21. Dezember dauert die Goldene Stunde bei uns von 7:45 bis 9:00 Uhr, am Abend von 15:41 bis 16:56 Uhr – also mehr als eine Stunde.

Goldene Stunde - Sonnenblumen
Goldene Stunde – Sonnenblumen, Nikon D7000, Nikkor f/3.5-5.6 18-105 mm, 45 mm KB, 1/30s, f/6.7, ISO 100, Stativ

» Weiches und hartes Licht

Goldene Stunde – Wie entsteht das goldene Licht?

Sonnenlicht setzt sich aus den Regenbogenfarben gelb, orange, rot, violett, blau und grün zusammen. Jede Farbe hat eine bestimmte Wellenlänge. Die von Blau ist am kürzesten, die von Rot dagegen am längsten. Durch die kurze Wellenlänge wird der blaue Anteil der Farbe viel eher gestreut als der Rote. Beim Sonnenaufgang und Sonnenuntergang legen die Lichtstrahlen einen viel weiteren Weg zurück und absorbieren deshalb vor allem die blauen Lichtanteile. Je mehr Wasser- und Staubpartikel in der Luft schweben, desto mehr Blauanteil wird gestreut. Je schmutziger die Luft, desto schöner die Goldene Stunde. Das wirkt wie ein Weichzeichner. Das hat im Weiteren zur Folge, dass die Schatten nicht mehr so stark erscheinen und weiche Kanten bekommen.

Goldene Stunde im Botanischen Garten
Goldene Stunde im Botanischen Garten

» Der goldene Schnitt

» Belichtungsmessmethoden

Fotografieren in der Goldenen Stunde

Die Goldene Stunde taucht die Umgebung in ein warmes, angenehmes Licht. Durch den tiefen Sonnenstand und das spitzwinklig einfallende Licht entstehen schöne, lange und weiche Schatten, welche folglich den Motiven viel Dynamik verleihen. Vor allem bei der Landschaftsfotografie entsteht eine besondere Tiefe im Bild. In Kombination mit dem wärmeren Licht eine tolle Atmosphäre.

Planen Sie die Aufnahme gut. Nehmen Sie sich genügend Zeit, um sich vor Ort einzurichten, den Bildausschnitt und die Schärfeebene zu bestimmen. So sind Sie bereit, wenn das Licht der goldenen Stunde Ihr Motiv in warme Farben taucht.

Kosten Sie jeden Moment der Goldenen Stunde aus. Die Lichtverhältnisse und warmen Farbtöne ändern sehr schnell – von Minute zu Minute. Machen Sie deshalb mehrere Aufnahmen und haben Sie etwas Geduld. Die Lichtstimmung könnte gewinnen…

Wichtig: Schauen Sie nie direkt in das Sonnenlicht – ob direkt oder über den Kamerasucher. Verwenden Sie den Live-View-Modus Ihrer Kamera.

Sonnenblumen im Abendlicht
Sonnenblumen im Abendlicht, Nikon D7000, Nikkor f/3.5-5.6 55-300 mm, 180 mm KB, 1/180s, f/13, ISO 100

» Online Fotokurs – kompakt und schnell fotografieren lernen

 

Kameraausrüstung – die Goldene Stunde

In der Goldenen Stunde können Sie mit allen Kameras und Smartphones fotografieren. Je nach Lichtverhältnissen kann es sein, dass Sie mit höheren ISO-Werten arbeiten müssen. Smartphones mit ihren winzigen Bildsensoren reagieren schon bei leicht erhöhten ISO-Werten mit starkem Bildrauschen. Die nachfolgenden Ausrüstungstipps ermöglichen Ihnen qualitativ hochstehende Aufnahmen in der Goldenen Stunde:

  • Verwenden Sie eine Kamera mit grossem Bildsensor und geringem Rauschverhalten bei erhöhten ISO-Werten. APS-C-Sensoren (Halbformat) sind dafür schon sehr gut geeignet, ein Vollformatsensor leistet jedoch bei erhöhter ISO-Zahl noch bessere Ergebnisse als das Halbformat.
  • Verwenden Sie ein lichtstarkes Objektiv. Fotografieren Sie zum Beispiel mit einem Kit-Objektiv bei der Einstellung 50 mm mit Offenblende f/4, benötigen Sie viermal mehr Licht als mit einer Festbrennweite f/1.8 50 mm.
  • Bei grosser Offenblende produzieren die Objektive schöne Bokeh-Effekte.
  • Arbeiten Sie mit dem Stativ. So können Sie den ISO-Wert tief halten und vor allem den Bildausschnitt perfekt wählen.
  • Gegenlichtblende auf dem Objektiv aufgesetzt, um Streulicht zu reduzieren oder vermeiden.
  • Bei Arbeiten mit dem Stativ benötigen Sie einen Draht- oder Fernauslöser. Alternativ können Sie auch den Selbstauslöser (auf zwei Sekunden Verzögerung eingestellt) verwenden.
  • Für Bilder mit weichen Wasseroberflächen oder verwischten Wolken einen ND-Graufilter.
  • Mit einem Grau-Verlaufsfilter können Sie den Kontrastumfang bei Motiven mit viel Himmel verringern
  • Möchten Sie viel von der Umgebung auf Ihr Bild bekommen, benötigen Sie ein Ultra-Weitwinkel-Objektiv.
Schattenspiel auf Fussballplatz - tief stehende Sonne
Schattenspiel auf Fussballplatz, Nikon D5300, Nikkor f/4.5-5.6 55-300 mm, 190 mm KB, 1/180s, f/11, ISO 100

Kameraeinstellungen

Durch die schnell ändernden Lichtverhältnisse und Farbtemperaturen (Weissabgleich) wird die Kamera-Elektronik recht gefordert – manchmal überfordert.

  • Fotografieren Sie im RAW-Format. Sie müssen die Roh-Daten zuerst mit einem Konverter entwickeln, haben dafür danach die vollen Freiheiten im Bestimmen des Weissabgleichs am Computer.
  • Wenn Sie im JPG-Format fotografieren, experimentieren Sie mit unterschiedlichen Weissabgleich-Einstellungen. Die Korrekturen sind im Gegensatz zum RAW-Format beim JPG-Format jedoch nur in einer engen Bandbreite möglich.
  • Fotografieren Sie ohne Stativ? Da die schnell ändernden Lichtverhältnisse die Verschlusszeit und die Blende stark beeinflussen können, stellen Sie die Kamera auf Zeitautomatik A/Av und ISO-Automatik. Bei Letzteren können Sie angeben, welche Verschlusszeit nicht unterschritten werden darf. So haben Sie folglich genügend Licht für scharfe Freihand-Aufnahmen.
  • Wenn Sie mit dem Stativ fotografieren, können Sie den ISO-Wert auf dem tiefsten Wert lassen. So erhalten Sie die beste Bildqualität und die knackigsten Farben. Schalten Sie dabei unbedingt den Bildstabilisator aus. Er verursacht in Ruhe Korrekturbewegungen, welche Unschärfe ins Bild bringen.
  • Bei sehr hohen Kontrasten (Licht und Schatten) können Sie drei unterschiedlich belichtete Aufnahmen aufnehmen und am Computer zu einem HDR-Bild kombinieren.
  • Verwenden Sie die Live-View-Funktion mit dem virtuellen Horizont. Dann sind Ihre Bilder perfekt horizontal ausgerichtet.
  • Wenn Sie die Sonne im Bild haben möchten, können Sie mit einer sehr kleinen Blendenöffnung (zum Beispiel f/16 oder f/22) einen Blendenstern erzeugen. Die Sonne – oder eine andere, punktuelle Lichtquelle – erhält „Strahlen“. Das Licht wird an den Blendenlamellen gebrochen. Je nach Anzahl Lamellen entstehen entsprechend viele „Strahlen“.
goldene Stunde Magadino Ebene
Goldene Stunde Bolle di Magadino, Nikon D750, Tamron f/1.8 35 mm, 1/60s, f/6.7, ISO 110

» Bildgestaltung und Bildwirkung

Weitere Aufnahme-Tipps

  • Achten Sie bei Aufnahmen Richtung Sonne auf allenfalls auftretende Blendenflecken. Je nach Motiv können diese „Bildfehler“ stören oder einem Bild einen besonderen „Touch“ geben.
  • Im Herbst, wenn die Natur selber schon in schöne, warme Farben getaucht wird, macht sich der Effekt der Goldenen Stunde gleich doppelt bemerkbar.
  • Lassen Sie die Sonne bei Gegenlichtaufnahmen einmal knapp ausserhalb des gewählten Bildausschnittes stehen. Das kann zu schönen Lichtstimmungen ohne den extrem hohen Kontrast zur Sonnenscheibe führen.
  • Im Winter herrschen bei Schnee eher die blauen Farbtöne. Wenn Sie in der Goldenen Stunde fotografieren, erhalten Sie einen besonders ausgeprägten Komplementär-Kontrast.
  • Das weiche Licht des Abends eignet sich sehr gut für Kinderfotos oder allgemein Portraits.
  • Fotografieren Sie nicht nur gegen die Sonne. Drehen Sie sich um. Die Motive werden durch die tiefstehende Sonne in ein tolles Licht getaucht.
  • Während Sie am Abend die Lichtstimmung und den Lichteinfall besser vorausplanen können, ist es in der Goldenen Stunde am Morgen viel schwieriger, genau zu bestimmen, wo das erste Licht auftaucht und wie es sich verhält. Aber gerade in dieser Zeit werden Sie dafür mit überraschend schönen Lichtstimmungen und Effekten überrascht.
  • Achten Sie auf besondere Schattenwürfe. Die tief stehende Sonne erzeugt oft überraschende „Bilder“.
  • Sie können das besondere Licht für Silhouetten-Aufnahmen nutzen: Wählen Sie ein Motiv im Gegenlicht. Die Belichtung ist auf das Licht abgestimmt, das Motiv liegt wie bei einem Scherenschnitt-Bild in dunklem Schwarz.

Dieser Artikel ist Teil des über 600 Seiten starken Digitipps eBook.
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» Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge fotografieren

» Die Blaue Stunde

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