Fototechnik

Warum im RAW-Format fotografieren?

Fassade in Locarno, Sony DSC-RX1003, Zeiss f/1.8-2.8 24-70mm, 70mm KB, 1/125s, f/4, ISO125

Altstadtfassade in Locarno

Warum im RAW-Format fotografieren? Diese Frage stellen sich alle, die sich schon eine Weile mit digitaler Fotografie befassen. In diesem Artikel zeige ich Ihnen, welche Vorteile das RAW-Format bietet.

Hochhausfassade in St. Gallen spiegelt sich

Spiegelung in Fassade, Nikon D5300, Nikkor f/4.5-5.6 55-300mm, 330mm KB, 1/750s, f/8, ISO100

Die Aufnahme ist im RAW-Format gemacht und in Lighroom entwickelt worden. Dabei habe ich den Helligkeitswert um +0.3 EV angehoben, die Tiefen um +85 korrigiert. Die Klarheit habe ich um +14 und den Farbkanal blau um +15 angehoben.

Das digitale Negativ – Rohdatenformat

Vielleicht haben Sie schon einmal den Begriff digitales Negativ gehört? Mit dem digitalen Negativ wird eine Datei bezeichnet, in welcher die vom Bildsensor aufgenommene Licht- und Farbwerte praktisch ohne weitere Bearbeitung durch die Kamerasoftware auf der Karte in einem Rohformat gespeichert wird.

RAW bedeutet roh, unverarbeitet. Genau genommen ist die im RAW-Format aufgenomme Datei kein Bild. Sie enthält lediglich die Farb- und Helligkeitswerte der einzelnen Pixel (genauer Grün-, Rot- und Blauwerte des Bayerfilters) und einige Informationen der Kamera. Deshalb müssen Sie diese Datei mit einem speziellen Konverter weiterverarbeitet werden, bevor Sie Ihren Freunden ein Bild per Mail schicken oder dieses im Web veröffentlichen können.

JPEG oder RAW? Vergleich mit Kuchen backen…

Wenn Sie einen Marmorkuchen backen wollen, bereiten Sie die Zutaten nach einem Rezept vor und nehmen eine bestimmte Menge von Mehl, Butter, Eier, Zucker, Backpulver, Salz, Kakao usw.

Beim JPEG-Format übernimmt die Kamera die Einstellungen (das Rezept) für den Kuchen und bereitet damit die Kuchenmasse vor. Wenn Sie jetzt lieber etwas mehr Kakao in der Masse haben möchten, geht das nur mit einem bestimmten Qualitätsverlust: Der Kuchen wird durch das zusätzliche Rühren weniger luftiger.

Beim RAW-Format übernimmt die Kamera nur die Zutaten und speichert sie zusammen mit einem Rezept (den aktuellen Kameraeinstellungen) ab. Bei der Entwicklung des RAW-Formats haben Sie noch grossen Einfluss auf das Rezept: Wie viel Butter will ich nehmen? Wie viel Kakao? Ihre Vorschläge ergänzen dann das Rezept und der Teig wird nach Ihrem Gusto angerührt.

Aus den Zutaten und dem veränderbaren Rezept können Sie beim RAW-Format unendlich viele verschiedene Teigmassen anrühren, während bei JPEG-Format die Zutaten für eine einzige Masse bereitgestellt werden.

JPEG – das Normalformat der Digitalbilder

Wenn Sie mit einer Digitalkamera Fotos knipsen, werden die Bilder im Normalfall als JPEG-Dateien gespeichert. In diesem Format sind die Bilder sofort verfügbar und können wegen ihrer kleineren Dateigrösse auch perfekt per Mail versendet werden. Der Nachteil des JPEG-Formates sind die vielen automatisch ablaufenden Bearbeitungsschritte zwischen dem Fotografieren und dem Speichern des Digitalbildes. Die kamerainterne Software versucht immer, das Bild zu verbessern und speichert es dann, je nach Dateigrösse, mehr oder weniger komprimiert ab. Wenn Sie mit der Farbwahl und der Dynamik nicht zufrieden sind, können Sie diese Bilder innerhalb gewisser Qualitätsgrenzen korrigieren. Jede Korrektur und jeder Speichervorgang führt beim JPEG-Format zu einem mehr oder weniger grossen Datenverlust einzelner Pixel.

Während im RAW-Format die einzelnen Pixel einen Grün-, Blau- oder Rotwert haben (weitere Infos unter Bayer-Filter), sind im JPG-Format die einzelnen Pixel bereits einem endgültigen Farbwert zugeteilt. Dies geschieht durch das Interpretieren der benachbarten Pixelwerte.

Warum im RAW-Format fotografieren?

Wenn Sie die Möglichkeit haben, mit Ihrer Kamera Bilder im RAW-Format zu speichern, so sollten Sie unbedingt davon Gebrauch machen. Gute Kompaktkameras haben bereits die Möglichkeit, Spiegelreflexkameras auf jeden Fall. Die digitalen Rohdateien bieten eine höhere Qualität und Sie haben viel mehr Möglichkeiten, Ihre Bilder nachträglich am Computer zu bearbeiten und zu korrigieren. So können Sie zum Beispiel die Farbtemperatur mit dem RAW-Konverter-Schieberegel nach Gutdünken nachträglich festlegen und müssen sich darüber beim Fotografieren noch keine Gedanken machen.

RAW-Formate bieten einen deutlich besseren Dynamikumfang und präzisere Helligkeitsstufen. Das bedeutet, dass die Übergänge zwischen weiss und schwarz feiner abgestuft sind.

  • RAW mit 12Bit = 2 hoch 12 = 4096 Helligkeitsstufen pro Kanal, total 68.7 Milliarden Farbtöne
  • JPEG mit 8Bit = 2 hoch 8 = 256 Helligkeitsstufen pro Kanal, total 16.7 Millionen Farbtöne

Das führt bei RAW-Bilder zu einer deutlich besseren Durchzeichnung der hellen und dunkeln Bildteile. So erhalten Sie besonders bei sehr schwierigen Lichtverhältnissen (grosse Kontraste, schlechtes Licht, Dunkelheit) oder bei Low-Key-Aufnahmen mit dem Bearbeiten des digitalen Negativs deutlich bessere Endergebnisse.

Allerdings muss man auch relativieren, dass das menschliche Auge um die 10 Millionen Farbtöne unterschieden kann und das JPG-Format diesen Wert schon deutlich überschreitet. ABER: Bei der Bearbeitung und Korrektur von RAW-Bildern kommt Ihnen diese grosse Farbtonreserve zu gute.

RAW & JPEG im Härtetest

  • Den Vorteil von RAW-Formaten kann man am besten mit einer Extremsituation aufzeigen: Das Testbild wurde (bewusst) mit 3 Stufen Unterbelichtung im RAW- und im JPEG-Fine-Format aufgenommen.
  • Das RAW-Format-Bild habe ich mit dem Photoshop Elements Editor korrigiert, wobei ich nur die Belichtung um drei Stufen ändern musste. Dann habe ich das Bild im JPEG-Format abgespeichert.
  • Das JPEG-Bild habe ich mit Photoshop Elements korrigiert. Zuerst musste ich die Belichtung erhöhen, dann die Farb- und Tonwerte einstellen.
  • Schon beim Vergleich der beiden korrigierten Bilder fällt auf, dass das RAW-Format (jeweils links im Bild) deutlich besser abschneidet.
Links korrigiertes RAW-Format - rechts korrigiertes JPG-Format

Links korrigiertes RAW-Format – rechts korrigiertes JPG-Format

Die grossen Qualitätsunterschiede werden bei einer Vergrösserung sehr deutlich sichtbar. Hier spielt das RAW-Format seine Trümpfe aus.

warum im RAw-Format fotografieren

Vergleich korrigiertes RAW-Format links, korrigiertes JPG Fromat rechts

Ausschnitt zeigt die Farbstörungen beim JPG-Format sehr deutlich:

Vergleich korrigiertes RAW-Bild links, JPG rechts

Vergleich korrigiertes RAW-Bild links, JPG rechts

Explorer zeigt RAW-Format nicht an

Damit die RAW-Formate im Windows-Explorer angezeigt werden können, benötigen Sie bis und mit Windows 7 noch das Zusatzprogramm KameraCodec, welches Sie aber auf der Herstellerwebseite kostenlos erhalten. Photoshop Elements kommt mit dem Rohformat im Organizer klar und hat einen integrierten RAW-Konverter in abgespeckter Form. Das grosse Photoshop hat eine mächtigere CameraRAW-Engine, das Programm Lightroom einen mächtigen, integrierten.

Für das kostenlose Bildprogramm GIMP nehmen Sie zum Entwickeln das kameraeigene Konvertierungsprogramm oder Sie erweitern Ihr GIMP mit dem Plugin UFRaw.

» UFRaw 0.18 in Gimp 2.8 installieren

Gegenüberstellung JPG- und RAW-Format

grösserer Dynamikumfang​

JPEG-FormatRAW-Format
Foto direkt verfügbar zum Zeigen oder VersendenBild muss zuerst in einem Konverter entwickelt werden
Datei wird vor dem Speichern komprimiert,
kleinere Dateigrösse
24 Megapixel = 12 MB
Datei wird beinahe unverändert gespeichert,
mehr Speicherplatz nötig
24 Megapixel = 25-30 MB
ist schneller gespeichert.braucht zum Speichern etwas länger
keine besondere Computer-Rechenleistung nötigzum Bearbeiten einer RAW-Datei (25MB) brauchen Sie einen leistungsfähigen Computer
leichte Korrekturen mit Bildbearbeitungsprogramm möglichverlustfreie Korrekturen mit RAW-Konverter möglich, bis zu zwei/drei Stufen Unter- oder Überbelichtung korrigierbar
kleine Farbtiefe von 8 Bit (256 darstellbare Farben pro Kanal)grössere Farbtiefe von 12 oder 14 Bit (4096 oder 16’866 darstellbare Farben pro Kanal)
Bilder durch geringe Farbtiefe etwas flauerBilder durch hohe Farbtiefe brillanter
weniger Zeichnungen in dunklen und hellen Bereichendeutlich mehr Zeichnungen in dunklen und hellen Bereichen
JPEG-Formate können direkt weitergegeben werdenRAW-Formate müssen vor der Weitergabe konvertiert werden
Weissabgleich, Farbtemperatur und Kontrast wird durch die Kameraeinstellung vorgegebenWeissabgleich, Farbtemperatur, Kontrast und Belichtung können verlustfrei am Computer korrigiert und angepasst werden, alle Schritte
wieder umkehrbar
höchstmögliche Qualität des Bildsensors kann ausgereizt werden, RAW-Entwicklung am Compter genauer
kleiner Dynamikumfanggrösserer Dynamikumfang
allgemeingültiges Speicherformat.kameraspezifische Speicherformate.
 schnellere Serienaufnahmen möglichschnelle Serienaufnahmen begrenzt durch Pufferspeicher (grössere Bilddateien)
Überschreiben der Originaldatei möglichÜberschreiben der Originaldatei nicht möglich

Tipps für das Fotografieren im RAW-Format

Helle Pixel enthalten mehr Bildinformationen

Helle Pixel enthalten mehr Bildinformationen

Vielfach kann das Speichern im RAW + JPG-Format gewählt werden. So ist das JPG-Bild sofort verfügbar und Sie haben die Möglichkeit, allfällige Korrekturen am digitalen Negativ zu machen.
Belichten Sie im RAW-Format in schwierigen Lichtverhältnissen eher um 0.3 Stufen reichlicher (+0.3 EV). Helle Pixel enthalten viel mehr Bildinformationen als dunkle und können mit dem RAW-Konverter wieder angehoben werden. Schalten Sie aber die Überbelichtungswarnung ein, damit die Pixel auf keinen Fall überstrahlt werden.

Denken Sie daran, dass das RAW-Format sehr speicherintensiv ist und misten Sie misslungene Bilder möglichst bald aus.

Ich hoffe, ich konnte Ihnen einen Überblick geben und zeigen, warum Sie im RAW-Format fotografieren sollten.

» RAW-Dateien im Explorer anzeigen lassen

» Mit RAW-Dateien den Kontrastumfang erhöhen

» RAW-Fotos ins DNG-Format umwandeln

» ColorMunki Smile – Bildschirmfarben kalibrieren


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