Wie entsteht ein gutes Foto? Was kann ich dazu beitragen, damit ein ausgesuchtes Motiv gut wirkt? Sie benötigen ein paar grundlegende Gestaltungsmöglichkeiten. Das Titelmotiv ist aus der Motivgruppe “abstrakte Architekturfotos“, welches einen schnellen Einstieg ermöglicht.

Der fotografische Blick – Unsere Sehgewohnheiten

In unserer Kultur folgt das Auge in Bildern der allgemeinen Leserichtung: Von links oben nach rechts unten. Daraus folgt Ihre Aufgabe, das Auge des Betrachters im Bild zu führen und vom schnellen Verlassen des Bildes zu hindern.

Leserichtung von Bildern von links oben nach rechts unten
Leserichtung von Bildern

Unser Auge wird von Licht, starken Kontrasten, Linien geführt. Gesichter, Farbtupfer und helle Stellen ziehen das Auge magisch an. Nutzen Sie diese Erkenntnisse zum Gestalten Ihrer Bilder.

Wie entsteht ein gutes Foto - Stacheldraht
Stacheldraht, Nikon D750, Sigma Makro f/2.8 105 mm, 1/350s, f/6.7, ISO 800

Fragen Sie sich: Wohin wandert mein Auge beim Betrachten eines Bildes? Was erregt meine Aufmerksamkeit? Üben Sie diese Aufgabe an möglichst vielen Bildern, die Sie zum Beispiel im Internet finden. So trainieren Sie Ihren fotografischen Blick und können Elemente der Bildgestaltung immer erfolgreicher umsetzen.

Tipp für das Fotografieren: Schaffen Sie sich am Ort des ausgesuchten Motivs einen Überblick. Nehmen Sie sich genügend Zeit und betrachten Sie Ihr Motiv von allen Seiten. Erst danach beurteilen Sie Ihr Motiv durch den Sucher. Das regt die Fantasie an und führt oft zu ausdrucksstarken Kompositionen.

Beim folgenden Bild mit der Aludose musste ich mich in eine ungemütlich tiefe Position knapp über dem Gehsteig einlassen. Die klappbare Live-View-Ansicht meiner Nikon D5300 ist in solchen Situationen Gold wert!

Wie entsteht ein gutes Foto - Littering
Littering, Nikon D5300, Nikkor f/1.8 50 mm, 75 mm KB, 1/2000s, f/1.8, ISO 100

» PhotoPills – die mächtige App für alle, die fotografieren

Weniger ist mehr – Mut zur Lücke

Vollkommenheit entsteht offensichtlich nicht dann, wenn man nichts mehr hinzuzufügen hat, sondern wenn man nichts mehr wegnehmen kann. (Antoine de Saint-Exupéry)

Ein Bild wird gut, wenn Sie alles Unwesentliche weglassen können. Dazu gehört auch ein ruhiger Hintergrund. Unser Auge kann nicht gleichzeitig auf einen Nah- und Fernpunkt fokussieren.

Wenn Sie zu viel auf Ihr Bild packen, hüpft das Auge von Punkt zu Punkt und kommt nicht zum Verweilen. Der Betrachter weiss gar nicht, was der Fotograf überhaupt ablichten und zeigen wollte. Das Bild wirkt unruhig. Reduzieren Sie das Bild auf das Wesentliche. Alles andere – Störende – müssen Sie aus dem Bildausschnitt entfernen. Weniger ist mehr!

Zeigen Sie nicht alles. Schneiden Sie Motive an. Unser Gehirn versucht dann, das Bild zu ergänzen und das Auge verweilt. Aber werden Sie nicht zu rigoros: Ein Bild, welches der Betrachter nicht einordnen kann, schreckt unter Umständen ab.

Motive, die so angeschnitten sind, dass unser Auge den Rest wieder ergänzen kann, werden als interessant wahrgenommen.

» Der richtige Bildausschnitt

Wie entsteht ein gutes Bild - Fassade
Fassade am roten Platz in St. Gallen, Nikon D750, Tamron f/1.8 35 mm, 1/2000s, f/2.8, ISO 100

Mit Unschärfe gestalten – Wie entsteht ein gutes Foto?

Das funktioniert auch, wenn Sie Ihr Bild durch Unschärfe verfremden. Das Sigma f/2.8 70-200 mm-Objektiv weist eine sehr schöne Unschärfe aus – Bokeh-Effekt – und macht aus einem Motiv, welches scharf fotografiert sicher auch gewirkt hätte, eine magische Aufnahme. Fesselnde Aufnahmen müssen nicht gestochen scharf sein. Regeln oder Gestaltungsempfehlungen können Sie brechen. Machen Sie das auch!

Gleisfeld am Bahnhof St. Gallen - mit Unschärfe spielen
Gleisfeld Bahnhof St. Gallen, Nikon D5300, Sigma f/2.8 70-200mm, 290mm KB, 1/250s, f/5.6, ISO100

» Fotokurs für Kinder – Teil 1

Muster und Strukturen

Gleich- oder regelmässig angeordnete Motive haben einen besonderen Reiz. Muster können Sie mit Unregelmässigkeiten unterbrechen und bringen damit einen Kontrast ins Bild.

Unendliche Mengen

Wie entsteht ein gutes Foto? Mit einer anderen Technik können Sie unendliche Mengen vortäuschen: Schneiden Sie den Bildausschnitt so zu, dass rechts und links, eventuell sogar vorne und hinten das Muster, welches sich wiederholt, angeschnitten wird. Unsere Augen sehen damit eine unendliche Menge, weil sie das Fehlende ergänzen – auch wenn das in Wirklichkeit gar nicht so ist.

Das folgende Bild zeigt Perlen auf einer exklusiven Handtasche in einem Schaufenster. Es täuscht uns eine Fläche vor, die noch viel grösser als abgebildet scheint. Und dies nur, weil die Perlen in allen vier Richtungen aus dem Bild laufen. » Schaufensterfotografien

Perlen an Handtasche - Schaufensterfotos
Perlen ein Handtasche, Nikon D5300, Sigma Micro f/2.8 105 mm, 157 mm KB, 1/180s, f/3.8, ISO 400

Verdichten mit langen Brennweiten

Beim folgenden Bild hätte ich die beiden Hochhäuser als Ganzes fotografieren können. Durch den begrenzten Ausschnitt stellen wir uns die Fassade riesig vor. Die Spiegelung in der Fenster-Fassade ist verzerrt – aber Sie erkennen sofort das Nachbargebäude. Da ich eine lange Brennweite verwendete, wird das Bild noch verdichtet.

Fachhochschule spiegelt sich in Rathausfassade St. Gallen - Motivprogramme
Fachhochschule spiegelt sich in der Rathausfassade in St. Gallen, Nikon D5300, Sigma f/2.8 70-200 mm und Sigma 1.4x Konverter, 420 mm KB, 1/500s, f/4, ISO 100

Unschärfe – Schärfe

Unsere Augen haben grosse Mühe mit einem scharfen Hintergrund. Das irritiert uns und lenkt vom ebenfalls scharfen Motiv ab. Während unsere Augen in Wirklichkeit das ausblenden, was wir nicht sehen möchten, kommt im fotografierten Bild diese Möglichkeit nicht in Frage. Das Problem müssen Sie technisch durch das Verringern der Schärfentiefe oder durch andere Freistellungsmethoden lösen.

Ein unscharfer Hintergrund muss nicht einfach Beilage sein: Sie können damit auch ansatzweise zeigen, was sich dahinter verbirgt und zum scharf abgebildeten Motiv passt. Die Schärfe des Hintergrundes können Sie mit der Blende (grosse Blendenöffnung, kleiner Blendenwert wie f/2.8), mit der Brennweite (je grösser, desto einfacher) oder mit der Distanz Kamera-Motiv-Hintergrund steuern.

Ist der Hintergrund völlig unwichtig, machen Sie ihn auch möglichst unscharf und unbedeutend.

Margeritenfeld
Margeritenfeld, Nikon D750, Sigma f/2.8 70-200 mm, 110 mm, 1/1000s, f/4, ISO 100

Regeln brechen – Wie entsteht ein gutes Foto?

Wie entsteht ein gutes Fotos? Regeln helfen Ihnen, Ihre Bildgestaltung zu optimieren. Aber es gibt nichts Langweiligeres, als sich immer an die Regeln zu halten.

Brechen Sie immer mal wieder Regeln. Das kann überraschen!

Kippen Sie einmal einen Horizont. Lassen Sie eine Treppe waagrecht stehen. Der Betrachter guckt das Bild an und überlegt, was ihn hier irritiert – und schon verweilt sein Auge im Bild. Was wollen Sie mehr?

Wie entsteht ein gutes Foto - Treppe einmal anders
Treppe, Sony DSC-RX100iii, Zeiss f/1.8-2.8 24-70 mm, 24 mm, 1/40s, f/2.8, ISO 125

Aus Fehlern lernen – Wie entsteht ein gutes Foto?

Gehören Sie auch zu denen, die ihre Fotos rigoros ausmisten und alles, was nicht 100 % perfekt ist, löschen? Oder behalten Sie schon immer alles auf, weil Sie vielleicht noch einmal eine Verwendung dazu finden könnten? Es macht durchaus Sinn, bei einer Motivsuche auch einmal misslungene Bilder aufzubewahren. Diese misslungenen Bilder werden zu Ihrem Skizzenheft. Besonders die Motivgruppe abstrakte Architekturfotos eignet sich für den Einstieg.

Ich gehöre zur ersten Gruppe: Nach einer Fototour begutachte ich meine Bilder und lösche rigoros. Ich möchte den Überblick über meine Sammlung behalten. Habe ich von einem Motiv mehrere Ausschnitte, vergleiche ich diese, bis der beste (oder allenfalls ein zweiter) für mich feststeht. Die restlichen Bilder lösche ich meist unwiderruflich.

Skizzenheft

Ich bin mir aber auch bewusst, dass es manchmal gut wäre, diese Ausschuss-Bilder, welche im Endeffekt zum Endprodukt geführt haben, aufzubewahren. Das macht bewusst, dass der Prozess zu DEM Motiv selten geradlinig ist, ja manchmal überraschend verschlungene Wege beschreitet.

Und das können wir sichtbar machen, indem wir die “misslungenen” Bilder, ohne die es aber vermutlich nicht zu DEM Bildausschnitt gekommen wäre, in einem speziellen Ordner oder zum Beispiel in Lightroom in einem Stapel aufbewahren.

» Schnappschüsse machen

Skizzenheft anlegen

Ich habe mir beim Schreiben dieses Artikels deshalb vorgenommen, misslungene Bilder als kleine JPG-Versionen (mit allen Metadaten) in der Grösse 3000 x 2000 zu speichern und in Lightroom einen neuen Katalog Skizzenheft anzulegen. So kann ich von Zeit zu Zeit die Bilder durchschauen, habe vielleicht eine neue, gute Idee oder erkenne, WARUM das Bild so, wie ich es aufgenommen hatte, eben NICHT wirkt.

Vorteile:

  • Die Bilder sind aus dem Blickfeld meines normalen Katalogs verschwunden und stören dort nicht mehr.
  • Durch den Export als kleinere JPG-Datei oder im DNG-Format spare ich Speicherplatz.
  • Ich habe im Katalog Skizzenheft trotzdem Ordnung und kann Stichworte wie üblich verwalten. Diese gebe ich meist schon vor dem Aussortieren ein.

» Besser fotografieren lernen

Zebra Skizzenheft – Wie entsteht ein gutes Foto?

Zum Glück habe ich die vielen Fotos, die ich von einem Zebra geschossen hatte, nicht schon vom Computer gelöscht. Genau da ist der Skizzenheft gut sichtbar. Endlich einmal stand ein Zebra so, dass der Hintergrund dunkel war. Ich wollte nicht das ganze Tier, sondern einen knappen Ausschnitt davon fotografieren und probierte aus. Dann begutachtete ich auf dem Kamerabildschirm die Vorschaubilder und experimentierte erneut mit anderen Ausschnitten. Irgendwie hatte ich den Anspruch, den Kopf nicht ganz auf dem Bild haben zu wollen. Aber schnitt ich die Nase ab, wirkte das Bild “geköpft”. Dann experimentierte ich mit dem Leerraum – dem negativen Raum – vor der Nase. Wie viel Gewicht benötigt der Zebra-Kopf, damit das Gegengewicht in Form des Leerraumes harmonisch wirkt? Oder spannend? Oder extravagant?

Klicken Sie ein Vorschaubild an und navigieren Sie zwischen den einzelnen Bildern mit der Maustaste oder den Pfeilen auf der Seite.

Das 14. Bild in der Reihe war dann auch das, welches ich am Computer als finale Version aussuchte. Das Bild habe ich in Lightroom in Schwarzweiss konvertiert und den Kontrast erhöht. Um das Auge herum habe ich die Schatten zudem etwas aufgehellt, damit Leben ins Tier kommt.

Zebra Skizzenheft der Fotografen
Zebra in Schwarzweiss, Nikon D750, Sigma f/5-6.3 150-600 mm, 550 mm KB, 1/800s, f/11, ISO 500, Einbeinstativ

Dieser Artikel ist Teil des über 740 Seiten starken Digitipps eBook.
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Digitipps eBook Artikel 2

» Geringe Schärfentiefe als Gestaltungselement

» Der richtige Bildausschnitt

» Abstrakte Architekturfotos

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