Ein Neutraldichtefilter (ND-Filter), auch Graufilter genannt, reduziert die Lichtmenge, die durch das Objektiv auf den Bildsensor fällt. Dadurch können Sie auch bei Tageslicht mit langen Verschlusszeiten oder einer weit geöffneten Blende fotografieren. Besonders beliebt sind ND-Filter für Langzeitbelichtungen von Wasser, Wolken oder belebten Plätzen.

Normalerweise ist beim Fotografieren zu wenig Licht ein Problem. Es gibt aber Situationen, in denen gerade zu viel Licht eine gewünschte Aufnahme verhindert. Möchten Sie beispielsweise Wasser weich darstellen oder am Tag mehrere Sekunden belichten, benötigen Sie einen Neutraldichtefilter.

In diesem Artikel erfahren Sie, wie Graufilter funktionieren, was Bezeichnungen wie ND4, ND64 oder ND1000 bedeuten und welche Filterstärke sich für welchen Einsatz eignet. Eine praktische ND-Filter-Tabelle hilft Ihnen beim Berechnen der Verschlusszeit.

Was ist ein Neutraldichtefilter oder Graufilter?

Ein Neutraldichtefilter reduziert die Lichtmenge, die durch das Objektiv fällt, möglichst gleichmässig über das sichtbare Farbspektrum. Deshalb wird er auch Graufilter genannt. Im Idealfall verändert er die Farben des Bildes nicht.

Je stärker der Filter ist, desto weniger Licht erreicht den Sensor und desto länger kann die Verschlusszeit gewählt werden.

  • Ein ND2-Filter reduziert das Licht um eine Blendenstufe und verdoppelt die notwendige Belichtungszeit.
  • Ein ND4-Filter reduziert das Licht um zwei Blendenstufen und verlängert die Belichtungszeit um den Faktor 4.
  • Ein ND8-Filter reduziert das Licht um drei Blendenstufen und verlängert die Belichtungszeit um den Faktor 8.
  • Ein sehr starker ND1000-Filter reduziert das Licht ungefähr um zehn Blendenstufen.

Ein Beispiel: Ohne Filter beträgt die korrekte Verschlusszeit 1/60 s. Mit einem ND4-Graufilter verlängert sie sich um den Faktor 4:

1/60 s → 1/30 s → 1/15 s

Das entspricht einer Reduktion um zwei Blendenstufen.

Wichtig: Normale Graufilter eignen sich nicht für die direkte Beobachtung oder Fotografie der Sonne. Sie sind keine speziellen Sonnenfilter und bieten keinen ausreichenden Schutz für Augen und Kamera.

Tabelle mit unterschiedlichen Bezeichnungen und Stärken von Graufiltern und ND-Filtern
Unterschiedliche Bezeichnungen für Graufilter und ND-Filter

Was bedeuten ND2, ND4, ND8, ND64 und ND1000?

Leider verwenden die Hersteller nicht immer dieselben Bezeichnungen. Häufig finden Sie Angaben wie ND8 oder ND1000, teilweise aber auch Werte wie ND0.9 oder Angaben direkt in Blendenstufen beziehungsweise Stops.

Für die Praxis ist vor allem wichtig zu wissen, um wie viele Blendenstufen ein Filter das Licht reduziert. Jede zusätzliche Blendenstufe verdoppelt die mögliche Belichtungszeit.

ND-Filter-Tabelle: Blendenstufen und Verlängerungsfaktor

Mit dieser Tabelle sehen Sie auf einen Blick, wie stark ein Neutraldichtefilter das Licht reduziert und um welchen Faktor sich die Verschlusszeit verlängert.

Filter Blendenstufen Lichtmenge Verlängerungsfaktor
ND2 1 1/2
ND4 2 1/4
ND8 3 1/8
ND16 4 1/16 16×
ND32 5 1/32 32×
ND64 6 1/64 64×
ND128 7 1/128 128×
ND256 8 1/256 256×
ND512 9 1/512 512×
ND1000 ca. 10 ca. 1/1000 ca. 1000×

Beispiel: Ergibt die Belichtungsmessung ohne Filter eine Verschlusszeit von 1/125 s, verlängert ein ND64-Filter mit sechs Blendenstufen die Belichtungszeit auf ungefähr 1/2 s. Mit einem ND1000-Filter landen Sie bei ungefähr 8 Sekunden.

ND-Filter-Tabelle mit Verschlusszeiten für verschiedene Graufilter-Stärken
Graufilter- und ND-Filter-Verschlusszeitentabelle

Wenn Sie die Werte nicht selbst berechnen möchten, können Sie auch eine App wie PhotoPills verwenden.

» Graufilter-Verschlusszeitentabelle als PDF downloaden

Welche ND-Filter-Stärke brauche ich?

Welche Stärke sinnvoll ist, hängt davon ab, welchen Effekt Sie erreichen möchten und wie hell die Umgebung ist.

  • ND2 bis ND8: leichte Reduktion des Lichts, beispielsweise für eine offenere Blende bei hellem Tageslicht.
  • ND16 bis ND64: gut geeignet, um Wasserbewegungen sichtbar zu machen oder die Verschlusszeit am Tag deutlich zu verlängern.
  • ND1000: klassischer Filter für starke Langzeitbelichtungen bei Tageslicht. Damit sind je nach Lichtverhältnissen Belichtungszeiten von mehreren Sekunden möglich.

Für Langzeitbelichtungen bei Tageslicht ist ein stärkerer Filter meistens flexibler. Für einen leicht verwischten Bachlauf kann dagegen bereits ein deutlich schwächerer Neutraldichtefilter ausreichen.

Wofür braucht man einen Graufilter?

Neutraldichtefilter werden vor allem eingesetzt, wenn die vorhandene Lichtmenge eine längere Verschlusszeit oder eine grössere Blendenöffnung verhindert.

Wasser weich und fliessend darstellen

Eine der beliebtesten Anwendungen ist die Langzeitbelichtung von Wasser. Während unbewegte Teile des Motivs scharf bleiben, zeichnet sich die Bewegung des Wassers während der Belichtung ab.

Je nach Verschlusszeit können Sie dabei unterschiedliche Effekte erzielen: Bei kürzeren Zeiten bleibt die Struktur des Wassers noch sichtbar, während bei mehreren Sekunden eine sehr weiche, beinahe nebelartige Oberfläche entsteht.

Wurzel im Bachbett bei Bergün mit langer Verschlusszeit und Graufilter fotografiert
Wurzel am Bachufer in Bergün, Nikon D7000, Nikkor Micro f/3.5 85 mm, 127 mm KB, 0,7 s, f/13, ISO 100, Stativ, Spiegelvorauslösung

Aus der Praxis: Für die Aufnahme am Bach reichte bereits eine relativ kurze Langzeitbelichtung, damit die Bewegung des Wassers sichtbar wurde. Zwei ND4-Filter ermöglichten mir eine Verschlusszeit von etwa 1/4 s. Das Wasser wird dabei noch nicht vollständig weichgezeichnet, sondern behält einen Teil seiner Struktur. Gerade bei Bächen gefällt mir dieser Effekt oft besser als eine extrem lange Belichtung.

Wolken als weiche Spuren darstellen

Auch ziehende Wolken lassen sich mit langen Verschlusszeiten sichtbar machen. Besonders bei Architektur- und Landschaftsaufnahmen kann eine Belichtung von mehreren Sekunden oder sogar Minuten eine interessante Dynamik in den Himmel bringen.

Ein Polarisationsfilter kann zusätzlich Reflexionen reduzieren und den Himmel kräftiger erscheinen lassen. Werden mehrere Filter gleichzeitig verwendet, sollten Sie bei Weitwinkelobjektiven allerdings auf mögliche Vignettierungen achten.

Bewegte Menschen verschwinden lassen

Mit sehr langen Belichtungszeiten können belebte Plätze überraschend leer erscheinen. Menschen oder Fahrzeuge, die sich während der Aufnahme durch das Bild bewegen, werden nur schwach oder gar nicht aufgezeichnet.

Bleiben Personen längere Zeit an einer Stelle stehen, verschwinden sie allerdings nicht vollständig. Dann können halbtransparente oder geisterhafte Konturen entstehen.

Mit Offenblende bei hellem Licht fotografieren

Ein Neutraldichtefilter muss nicht zwingend für Langzeitbelichtungen eingesetzt werden. Er kann auch helfen, bei viel Licht mit einer weit geöffneten Blende zu fotografieren.

Wenn Sie ein Motiv mit geringer Schärfentiefe vom Hintergrund isolieren möchten, benötigen Sie eine grosse Blendenöffnung. Ist selbst die kürzeste Verschlusszeit der Kamera dafür zu lang, reduziert ein ND-Filter die Lichtmenge.

Graufilter ermöglicht Fotografieren mit Offenblende bei hellem Licht
Mit einem Graufilter können Sie auch bei hellem Licht mit weit geöffneter Blende fotografieren.

Mit Neutraldichtefilter fotografieren – Schritt für Schritt

Bei starken Graufiltern ist es am einfachsten, Bildausschnitt, Belichtung und Fokus zunächst ohne Filter einzustellen. Erst danach wird der Neutraldichtefilter montiert.

1. Kamera auf das Stativ stellen

Bei längeren Verschlusszeiten benötigen Sie in der Regel ein stabiles Stativ. Achten Sie darauf, dass sich die Kamera während der Aufnahme nicht bewegt.

Bei Aufnahmen vom Stativ kann es je nach Kamera und Objektiv sinnvoll sein, den Bildstabilisator auszuschalten. Beachten Sie dazu die Empfehlungen des jeweiligen Herstellers.

2. ISO-Wert und Blende einstellen

Wählen Sie einen niedrigen ISO-Wert, meistens ISO 100 oder den niedrigsten Standardwert Ihrer Kamera.

Für Landschaftsaufnahmen ist häufig eine Blende im Bereich von ungefähr f/8 bis f/11 ein guter Ausgangspunkt. Sehr kleine Blendenöffnungen wie f/22 verlängern zwar zusätzlich die Verschlusszeit, können aber durch Beugungsunschärfe die Bildqualität reduzieren.

3. Bildausschnitt wählen und fokussieren

Stellen Sie den gewünschten Bildausschnitt ein und fokussieren Sie ohne starken ND-Filter. Anschliessend können Sie den Autofokus ausschalten, damit die Kamera nach dem Aufschrauben des Filters nicht erneut zu fokussieren versucht.

Bei modernen Kameras funktioniert der Autofokus je nach Filterstärke teilweise auch mit montiertem Neutraldichtefilter. Bei sehr starken Filtern ist die Einstellung ohne Filter jedoch zuverlässiger.

4. Belichtungszeit ohne Filter messen

Ermitteln Sie zunächst die korrekte Verschlusszeit ohne Graufilter. Wechseln Sie anschliessend in den manuellen Modus M, damit sich die Kameraeinstellungen nach dem Anbringen des Filters nicht verändern.

5. Neue Verschlusszeit berechnen

Multiplizieren Sie die gemessene Verschlusszeit mit dem Verlängerungsfaktor des Filters oder verwenden Sie die ND-Filter-Tabelle.

Beispiel mit einem ND1000-Filter:

1/125 s × 1000 ≈ 8 s

6. Neutraldichtefilter montieren

Schrauben Sie den Graufilter vorsichtig auf das Objektiv. Kontrollieren Sie besonders bei mehreren übereinander montierten Filtern, ob an den Bildecken eine Vignettierung entsteht.

7. Aufnahme auslösen

Verwenden Sie einen Fernauslöser oder den Selbstauslöser der Kamera, damit Sie beim Drücken des Auslösers keine Erschütterung verursachen.

Benötigen Sie eine Belichtungszeit, die länger ist als die von Ihrer Kamera direkt einstellbare maximale Verschlusszeit, verwenden Sie die Bulb-Einstellung oder einen programmierbaren Fernauslöser.

Bei Spiegelreflexkameras sollten Sie die Spiegelvorauslösung aktivieren.

8. Aufnahme kontrollieren

Überprüfen Sie nach der ersten Aufnahme Histogramm, Schärfe und Bildausschnitt. Gerade bei sehr starken Neutraldichtefiltern können Belichtungszeit und tatsächliche Filterwirkung etwas von den rechnerischen Werten abweichen.

Fotografieren Sie nach Möglichkeit im RAW-Format. Hochwertige Neutraldichtefilter sind zwar möglichst farbneutral, stärkere Filter können aber dennoch einen leichten Farbstich verursachen. Dieser lässt sich bei RAW-Dateien über den Weissabgleich gut korrigieren.

Langzeitbelichtung am Wenigerweiher mit starkem Neutraldichtefilter
Steg am Wenigerweiher, Nikon D5300, Nikkor f/1.8 50 mm, 75 mm KB, 30 s, f/11, ISO 100, +0,3 EV, ND10-Graufilter, Stativ, Spiegelvorauslösung

Meine Erfahrung: Bei starken Neutraldichtefiltern verlasse ich mich nicht ausschliesslich auf die berechnete Verschlusszeit. Ich mache zunächst eine Testaufnahme und kontrolliere anschliessend Histogramm und Bildwirkung. Gerade bei Wasser ist die mathematisch korrekte Belichtung nur die eine Hälfte – entscheidend ist, wie stark die Bewegung im fertigen Bild sichtbar sein soll.

Fester oder variabler ND-Filter?

Bei einem festen Neutraldichtefilter ist die Lichtreduktion vorgegeben. Ein ND64-Filter reduziert das Licht beispielsweise immer um sechs Blendenstufen.

Bei einem variablen ND-Filter lässt sich die Stärke durch Drehen des Filters verändern. Das ist komfortabel, weil Sie nicht mehrere einzelne Filter wechseln müssen.

Für sehr starke Langzeitbelichtungen sind feste Filter häufig die bessere Wahl. Bei variablen Filtern können bei hohen Filterstärken je nach Filter, Brennweite und Lichtsituation ungleichmässige Abdunkelungen oder Farbverschiebungen auftreten.

Kann man mehrere Graufilter kombinieren?

Ja. Mehrere Neutraldichtefilter können hintereinander verwendet werden. Die Filterwirkungen addieren sich in Blendenstufen beziehungsweise multiplizieren sich beim Verlängerungsfaktor.

Ein ND4-Filter mit zwei Blendenstufen zusammen mit einem weiteren ND4-Filter ergibt insgesamt vier Blendenstufen Lichtreduktion – also ungefähr die Wirkung eines ND16-Filters.

Allerdings gibt es zwei Nachteile:

  • Durch die grössere Baulänge können besonders bei Weitwinkelobjektiven Vignettierungen entstehen.
  • Jede zusätzliche Glasfläche kann Reflexionen verursachen und die Bildqualität geringfügig beeinträchtigen.

Wenn Sie eine bestimmte starke Filterwirkung häufig benötigen, ist deshalb ein einzelner hochwertiger Filter meist die bessere Lösung.

Festsitzende Filter wieder lösen

Bei der Verwendung von Filtern und Filteradaptern ist es mir schon oft passiert, dass ich diese nach der Aufnahme kaum mehr lösen konnte. Inzwischen habe ich deshalb immer einen Streifen eines Therabandes oder einer Antirutschmatte in meiner Filtertasche. Damit lässt sich der Filter deutlich besser greifen und meist problemlos wieder lösen.

Festsitzendes Filtergewinde mit Antirutschmatte lösen

Häufige Fragen zu Neutraldichtefiltern

Was ist ein Neutraldichtefilter?

Ein Neutraldichtefilter oder ND-Filter reduziert die Lichtmenge, die durch das Objektiv auf den Sensor fällt. Dadurch können Sie längere Verschlusszeiten oder grössere Blendenöffnungen verwenden, obwohl eigentlich genügend oder sogar sehr viel Licht vorhanden ist.

Was ist der Unterschied zwischen Graufilter und Neutraldichtefilter?

Es gibt keinen grundsätzlichen Unterschied. Graufilter ist die deutsche Bezeichnung für einen Neutraldichtefilter beziehungsweise ND-Filter. Alle Begriffe beschreiben Filter, welche die einfallende Lichtmenge reduzieren, ohne die Farbwiedergabe möglichst zu verändern.

Was bedeuten ND4, ND8 und ND1000?

Die Zahl gibt bei dieser gebräuchlichen Bezeichnungsweise den Verlängerungsfaktor der Verschlusszeit an. ND4 entspricht zwei Blendenstufen, ND8 drei Blendenstufen und ND1000 ungefähr zehn Blendenstufen.

Wie viele Blendenstufen hat ein ND1000-Filter?

Ein ND1000-Filter reduziert die Lichtmenge um ungefähr zehn Blendenstufen. Aus einer Verschlusszeit von 1/125 s werden damit beispielsweise ungefähr 8 Sekunden.

Welchen ND-Filter brauche ich für Langzeitbelichtungen am Tag?

Für deutliche Langzeitbelichtungen bei hellem Tageslicht wird häufig ein starker Filter wie ND64 oder ND1000 benötigt. Welche Stärke optimal ist, hängt von Licht, Blende, ISO-Wert und der gewünschten Verschlusszeit ab.

Kann ich zwei ND-Filter miteinander kombinieren?

Ja. Die Wirkung mehrerer ND-Filter lässt sich kombinieren. Zwei ND4-Filter ergeben beispielsweise insgesamt vier Blendenstufen Lichtreduktion. Mehrere Filter können allerdings Vignettierungen, Reflexionen und leichte Qualitätsverluste verursachen.

ND-Filter-Tabelle zum Ausdrucken

Die wichtigsten Werte können Sie als praktische Tabelle kostenlos herunterladen und beim Fotografieren mitnehmen:

» ND-Filter- und Graufilter-Verschlusszeitentabelle herunterladen

DigiSpick – das praktische Handout

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