Fotopraxis

Camera Obscura

Ronco s/Ascona, Nikon D5300 und PinCap-Lochblende, 1/10s, ISO1250

Camera Obscura: Ronco sopra Ascona

Camera Obscura – Mit der Lochkamera fotografieren

Camera Obscura – mit der Lochkamera fotografieren? Geht auch mit einer Spiegelreflexkamera. Ich zeige Ihnen, wie diese faszinierende Retro-Sache funktioniert.

Ich kann mich so gut an das Experiment erinnern, als wir als Leiter in einem Sommerlager eine Camera obscura (Lochkamera) aus einer Ovomaltine-Dose gebaut und damit Fotos im Lager gemacht haben. Damals haben wir in einer improvisierten Dunkelkammer das Bild entwickelt und mit einer Schreibtischlampe das Bildnegativ zum Positiv umgewandelt.

Die Camera obscura ist die rudimentärste Version einer Kamera: Sie besitzt nicht einmal ein Objektiv, sondern nur ein winzig kleines Loch, welches die Lichtstrahlen bündeln und auf den Sensor lenken kann. Durch die winzig kleine Öffnung fällt extrem wenig Licht, was lange Belichtungszeiten nach sich zieht. Die „winzige Blendenöffnung“ bewirkt, dass die Schärfentiefe praktisch unendlich gross ist. Dafür mindert aber der Beugungseffekt die Bildschärfe. Eine Lochkamera weist keine objektivtypischen „Fehler“ wie Farbsäume oder Verzeichnungen auf.

Diese Retro-Feeling können Sie mit einfachen Hilfsmitteln selbst erleben. Ich zeige Ihnen, wie das geht.

Kabelrolle am Güterbahnhof mit Lochkamera fotografiert

Kabelrolle am Güterbahnhof, Nikon D750 mit PinCap-Lochblende, 15s, ISO50, Stativ, SepiaEffekt

Material für die Lochkamera

Links PinCap-Lochblende, rechts Lochblende Eigenbau

Links PinCap-Lochblende, rechts Lochblende Eigenbau

Auf der Website Monochrom können Sie eine fertige PinCap-Lochblende für Ihren Objektivanschluss bestellen. Das Loch ist in einer Grösse von 0.2 bis 0.28 mm in Edelstahl gebohrt. Der PinCap kostet ca. 18 Euro.

Möchten Sie das selber bauen, benötigen Sie folgende Materialien:

  • Spiegelreflexkamera analog oder digital
  • Kameraabdeckung
  • kleines Stück Alufolie oder Seitenteil einer Getränke-Aluminiumdose
  • Bohrer oder Ahle
  • Stecknadel/Nagel
  • wasserfesten, schwarzen Filzstift

Anleitung für die Lochblende

  • PinCap-Lochblende an einer Nikon D7000 Spiegelreflexkamera

    PinCap-Lochblende an einer Nikon D7000 Spiegelreflexkamera

    Messen Sie die Mitte des Kameradeckels aus.

  • Bohren Sie mit einem 4-5mm-Bohrer an diesem Punkt des Kameradeckels ein Loch. Alternativ können Sie auch mit einer über einer Kerzenflamme heiss gemachten Ahlenspitze das Loch schmelzen.
  • Säubern Sie das gebohrte oder geschweisste Loch mit einem Cutter und Schleifpapier. Achten Sie, dass keine Krümel mehr am Rand kleben. Die könnten auf den Bildsensor gelangen!
  • Kleben Sie von innen ein kleines Stück Alufolie, welches Sie auf einer Seite mit schwarzem, wasserfesten Filzstift eingefärbt haben, auf den Deckel.
  • Etwas stabiler ist die Version mit einem Aluminiumstück aus der Seite einer Getränkedose.
  • Drehen Sie den Deckel um und legen Sie den Bereich der Öffnung auf ein Ende eines Radiergummis.
  • Stechen Sie nur mit dem vordersten Teil einer Stecknadelspitze ein winziges Loch in die Alufolie.
    Fertig ist Ihre erste Lochblende!

Handhabung der Lochblende

  • Bewahren Sie die selbst gebastelte Lochblende oder den PinCap immer in einer Schutzhülle auf. So bleibt die Lochblende sauber und das fragile Alufolienloch bleibt intakt.
  • Beachten Sie, dass Ihre Kamera eine zwar kleine Öffnung aufweist, durch die aber Schmutzpartikel in die Kamera und damit zum Bildsensor gelangen können!
  • Ich ersetze die Lochblende beim Transport immer durch einen echten Kameradeckel.
  • Da Sie durch die kleine Blende kaum ein Sucherbild erkennen werden, bleibt nur die Arbeit mit der Live-View-Ansicht oder – wie früher mit der Lochkamera – das geübte Auge, um den Bildausschnitt zu bestimmen. Retro-Feeling pur!
Silberturm in St. Gallen mit der Lochkamera fotografiert

Silberturm in St. Gallen, Nikon D750, PinCap-Lochblende, 6s, ISO100, Stativ

Technik und Kameraeinstellungen

  • Wenn Sie die Lochblende an Ihr Kameragehäuse schrauben, müssen Sie auf die Blendenfunktion verzichten. Sie haben mit der Lochblende PinCap eine fixe Blendenöffnung mit einem Wert von f/180 bis f/200. Berechnung: Brennweite geteilt durch Durchmesser der Blende = 49mm / 0.24mm = f/204.
  • Der ausserordentlich hohe Blendenwert sorgt dafür, dass Sie keine Scharfstellung benötigen. Die Schärfentiefe bewegt sich praktisch von wenigen Zentimetern bis unendlich.
  • Durch die kleine Blendenöffnung wirkt sich die Beugungsunschärfe – Lichtstrahlen werden an der Blende gebeugt – aus. Deshalb werden die Bilder nie ganz scharf.
  • Die Lochblende hat eine Brennweite von ca. 50mm (Nikon Halbformat 75mm KB, Canon Halbformat 80mm KB).
  • Stellen Sie das Programmrad Ihrer Spiegelreflexkamera auf „M“ (manuell).
  • Mit der Camera Obscura konnte man nur Stativ-Fotos machen. Mit den bei Digitalkameras möglichen, hohen ISO-Einstellungen ist es aber möglich, auch aus der Hand zu fotografieren: ISO12800 ergibt bei meiner Nikon D5300 und dem PinCup eine Verschlusszeit von 1/30s. Das geht gerade noch knapp ab der ruhigen Hand. Das hohe Bildrauschen unterstützt den Retro-Effekt der Lochkameraufnahmen.
  • Arbeiten Sie für beste Bildqualität mit einem Stativ. Bei Sonnenlicht benötigen Sie bei ISO200 eine Verschlusszeit von 6s, bei bewölktem Himmel ca. 20s.
  • Wenn Sie eine PinCap-Lochblende kaufen, liegt eine Belichtungstabelle mit ungefähren Richtwerten bei. Wenn Sie eine Eigenbau-Lochblende besitzen, notieren Sie sich doch bei den ersten Versuchen die Belichtungswerte (sind aber auch in der EXif-Datei der Digitalbilder vorhanden) und erstellen Sie eine eigen Tabelle für Ihre Camera obscura.
Weg in Ronco mit der Lochkamera fotografiert

Weg in Ronco s/Ascona, Nikon D5300, PinCap-Lochblende, 0.7s, ISO640

Lago Maggiore Richtung Ciavenna mit Camera Obscura fotografiert

Lago Maggiore, Nikon D5300, PinCap-Lochblende, 1/10s, ISO1600

Weitere Fototipps für Bilder mit der Camera obscura

  • Wählen Sie Motive aus, die einen hohen Kontrast aufweisen. Damit kompensieren Sie die fehlende Detailschärfe der Bilder.
  • Motive mit Signalfarben wirken mit der Camera obscura sehr gut.
  • Legen Sie in einem Bildbearbeitungsprogramm wie Lightroom einen sanften Sepia-Effekt über Ihre Bilder. Damit wirken diese wie zu Anfangszeiten der Fotografie gemacht.

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