Fotopraxis

Camera Obscura

Ronco sopra Ascona, Nikon D5300 und PinCap-Lochblende, ca. 70mm KB, 1/10s, ISO1250, Stativ, Silver Efex Pro 2, 034 vergilbt 2

Camera Obscura – mit der Lochkamera fotografieren? Geht auch mit einer Spiegelreflexkamera. Ich zeige Ihnen, wie diese faszinierende Retro-Sache funktioniert.

Ich kann mich so gut an das Experiment erinnern, als wir als Leiter in einem Sommerlager eine Camera obscura (Lochkamera) aus einer Ovomaltine-Dose gebaut und damit Fotos im Lager gemacht haben. Damals haben wir in einer improvisierten Dunkelkammer das Bild entwickelt und mit einer Schreibtischlampe das Bildnegativ zum Positiv umgewandelt.

Die Camera obscura ist die rudimentärste Version einer Kamera: Sie besitzt nicht einmal ein Objektiv, sondern nur ein winzig kleines Loch, welches die Lichtstrahlen bündeln und auf den Sensor lenken kann. Durch die winzig kleine Öffnung fällt extrem wenig Licht, was lange Belichtungszeiten nach sich zieht. Die winzige Blendenöffnung bewirkt, dass die Schärfentiefe praktisch unendlich gross ist. Dafür mindert aber der Beugungseffekt die Bildschärfe. Eine Lochkamera weist keine objektivtypischen Fehler wie Farbsäume oder Verzeichnungen auf.

Diese Retro-Feeling können Sie mit einfachen Hilfsmitteln selbst erleben. Ich zeige Ihnen, wie das geht.

Kabelrolle am Bahnhof St. Fiden St. Gallen

Kabelrolle am Bahnhof St. Fiden St. Gallen, Nikon D750, PinCap Lochblende, ca. 43mm KB, 8s, ISO100, Stativ, Spiegelvorauslösung, Silver Efex Pro 2, 033 vergilbt 1





Material für die Lochkamera

Links PinCap-Lochblende, rechts Lochblende Eigenbau

Links PinCap-Lochblende, rechts Lochblende Eigenbau

Auf der Website Monochrom können Sie eine fertige PinCap-Lochblende für Ihren Objektivanschluss bestellen. Das Loch ist in einer Grösse von 0.2 bis 0.28 mm in Edelstahl gebohrt. Die PinCap kostet ca. 18 Euro.

Möchten Sie das selber bauen, benötigen Sie folgende Materialien:

  • System- oder Spiegelreflexkamera analog oder digital
  • Kameraabdeckung
  • kleines Stück Alufolie oder Seitenteil einer Getränke-Aluminiumdose
  • Bohrer oder Ahle
  • Stecknadel/Nagel
  • wasserfesten, schwarzen Filzstift
Fachhochschule St. Gallen mit der Lochkamera fotografiert

Fachhochschule St. Gallen, Nikon D5300, PinCap Lochblende, ca. 70mm KB, 1/6s, ISO1600, Silver Efex Pro 2, 033 vergilbt 1

Anleitung für die Lochblende

  • PinCap-Lochblende an einer Nikon D7000 Spiegelreflexkamera

    PinCap-Lochblende an einer Nikon D7000 Spiegelreflexkamera

    Messen Sie die Mitte des Kameradeckels aus.

  • Bohren Sie mit einem 4-5mm-Bohrer an diesem Punkt des Kameradeckels ein Loch. Alternativ können Sie auch mit einer über einer Kerzenflamme heiss gemachten Ahlenspitze das Loch schmelzen.
  • Säubern Sie das gebohrte oder geschweisste Loch mit einem Cutter und Schleifpapier. Achten Sie, dass keine Krümel mehr am Rand kleben. Die könnten auf den Bildsensor gelangen!
  • Kleben Sie von innen ein kleines Stück Alufolie, welches Sie auf einer Seite mit schwarzem, wasserfesten Filzstift eingefärbt haben, auf den Deckel.
  • Etwas stabiler ist die Version mit einem Aluminiumstück aus der Seite einer Getränkedose.
  • Drehen Sie den Deckel um und legen Sie den Bereich der Öffnung auf ein Ende eines Radiergummis.
  • Stechen Sie nur mit dem vordersten Teil einer Stecknadelspitze ein winziges Loch in die Alufolie.
    Fertig ist Ihre erste Lochblende!
Ronco sopra Ascona mit der Lochkamera fotografiert

Ronco sopra Ascona, Nikon D5300, PinCap Lochblende, ca. 70mm KB, 1/10s, ISO1250, Stativ, Silver Efex 2, 034 vergilbt 2





Handhabung der Lochblende

  • Bewahren Sie die selbst gebastelte Lochblende oder den PinCap immer in einer Schutzhülle auf. So bleibt die Lochblende sauber und das fragile Alufolienloch bleibt intakt.
  • Beachten Sie, dass Ihre Kamera eine zwar kleine Öffnung aufweist, durch die aber Schmutzpartikel in die Kamera und damit zum Bildsensor gelangen können!
  • Ich ersetze die Lochblende beim Transport immer durch einen echten Kameradeckel.
  • Da Sie durch die kleine Blende kaum ein Sucherbild erkennen werden, bleibt nur die Arbeit mit der Live-View-Ansicht oder – wie früher mit der Lochkamera – das geübte Auge, um den Bildausschnitt zu bestimmen. Retro-Feeling pur!
Silberturm in St. Gallen mit der Lochkamera fotografiert

Silberturm in St. Gallen, Nikon D750, PinCap-Lochblende, 6s, ISO100, Stativ

Fotografieren mit der Camera obscura

Wenn Sie tagsüber fotografieren – und das ist mit der Camera obscura schon eine grosse Herausforderung – benötigen Sie bei niedrigen ISO-Einstellungen zweingend längere Belichtungszeiten und aus diesem Grund ein Stativ. Nicht jedermanns Sache, bei Sonnenschein mit dem Dreibein durch die Stadt zu schleichen. Sie sind sich neugieriger Blicke sicher.

Der ausserordentlich kleine Blendenöffnung sorgt dafür, dass Sie sich überhaupt nicht ums Scharfstellen kümmern müssen. Die Schärfentiefe bewegt sich von wenigen Zentimetern bis unendlich. Durch den extrem starken Beugungseffekt werden die Bilder aber nie ganz scharf – voll retro eben!

Die Lochblende hat eine Brennweite von ca. 46mm an einer Kleinbildkamera, bedingt durch den Crop-Faktor macht das an einer Halbformatkamera von Nikon etwa 70mm und einer Canon etwa 75mm KB-Äquavalent aus.

Wenn Sie eine PinCap-Lochblende kaufen, liegt eine Belichtungstabelle mit ungefähren Richtwerten bei. Wenn Sie eine Eigenbau-Lochblende besitzen, notieren Sie sich doch bei den ersten Versuchen die Belichtungswerte (sind aber auch in der EXif-Datei der Digitalbilder vorhanden) und erstellen Sie eine eigen Tabelle für Ihre Camera obscura. An meinen Kameras funktioniert die automatische Belichtungsmessung problemlos.

Seepromenade in Ascona mit Camera obscura

Seepromenade Ascona, Nikon d750, PinCap Lochblende, ca. 46mm KB, 6s, ISO100, Stativ, Spiegelvorauslösung, Silver Efex Pro 2, 033 vergilbt 1

Technik und Kameraeinstellungen

  • Wenn Sie die Lochblende an Ihr Kameragehäuse schrauben, müssen Sie auf die Blendenfunktion verzichten. Sie haben mit der Lochblende PinCap eine fixe Blendenöffnung mit einem Wert von f/180 bis f/200. Berechnung: Brennweite geteilt durch Durchmesser der Blende = 46mm / 0.24mm = f/191.
  • Fotografieren Sie wenn möglich mit dem RAW-Format. Besonders im Hinblick auf eine Weiterverarbeitung mit Silver Efex Pro 2 (folgt weiter unten) haben Sie gewisse Qualitätsreserven.
  • Arbeiten Sie für beste Bildqualität mit einem Stativ. Bei Sonnenlicht benötigen Sie bei ISO100 eine Verschlusszeit von 6s, bei bewölktem Himmel etwa 10 bis 20s.
  • Stellen Sie das Programmrad Ihrer Spiegelreflexkamera auf M (manuell) oder auf Zeitautomatik A/Av.
  • Die Zeitautomatik funktioniert nur bis zur längsten möglichen Verschlusszeit, meist 30s. Das reicht aber gemäss meiner Erfahrung für das Fotografieren am Tag immer. Ich stelle dann die ISO-Automatik auf einen Bereich von ISO100-6400 und als längste Belichtungszeit 10 Sekunden. Ist zu wenig Licht für eine 10-Sekunden-Belichtungszeit vorhanden, erhöht die Kamera den ISO-Wert auf ISO200 oder ISO400. Maximal bis zur festgelegten Höchstgrenze.
  • Stellen Sie an der Spiegelreflexkamera die Spiegelvorauslösung ein.
  • In der Stadt arbeite ich statt mit dem Draht- mit dem Selbstauslöser, den ich auf 2s Verzögerung einstelle.
  • Überschreiten Sie die Belichtungszeit von 30s, müssen Sie die Kamera auf Bulb stellen und mit einem Draht- oder Fernauslöser arbeiten.
  • Mit der Camera Obscura konnte man nur Stativ-Fotos machen. Mit den bei Digitalkameras möglichen, hohen ISO-Einstellungen können Sie aber auch aus der Hand fotografieren: ISO12800 ergibt bei meiner Nikon D5300 und dem PinCup eine Verschlusszeit von 1/30s. Das geht gerade noch knapp ab der ruhigen Hand. Das hohe Bildrauschen unterstützt den Retro-Effekt der Lochkameraufnahmen.
Fahrrad in der Altstadt von Locarno - Camera obscura

Fahrrad in der Altstadt von Locarno, Nikon D750, PinCap Lochblende, 46mm KB, 10s, ISO100, Stativ, Spiegelvorauslösung, Silver Efex Pro 2, 034 vergilbt 2

Lago Maggiore Richtung Ciavenna mit Camera Obscura fotografiert

Lago Maggiore, Nikon D5300, PinCap-Lochblende, 1/10s, ISO1600

Camera obscura und Silver Efex Pro

Bilder, die Sie mit der Lochkamera herstellen, eignen sich sehr gut, um ihnen den Look der analogen Fotografie zu verpassen. Dazu ist Silver Efex Pro das perfekte Programm, um Ihren Schätzen das anloge Leben einzuhauchen, dass Bilder, die mit der Camera obscura geschossen sind, verdienen. Eine kurze Einführung in das kostenlose Silver Efex Pro hilft Ihnen dabei.

Ascona mit der Lochkamera, Nikon D750, PinCap, ca. 43mm KB, 4s, ISO100, Stativ, Spiegelvorauslösung, Silver Efex Pro 2, 033 vergilbt 1

Weitere Fototipps für Bilder mit der Camera obscura

  • Wählen Sie Motive aus, die einen hohen Kontrast aufweisen. Damit kompensieren Sie die fehlende Detailschärfe der Bilder.
  • Motive mit Signalfarben wirken mit der Camera obscura sehr gut.
  • Legen Sie in einem Bildbearbeitungsprogramm wie Lightroom einen sanften Sepia-Effekt über Ihre Bilder. Damit wirken diese wie zu Anfangszeiten der Fotografie gemacht – oder noch einfacher: Lassen Sie Ihre Bilder mit Silver Efex Pro 2 oder Analog Efex Pro 2 im alten Look erscheinen.
  • Durch die enorm kleine Blendenöffnung von ca. f/200 eignet sich die Lochblende perfekt, um Sensorflecken sichtbar zu machen. Schonungslos! Fotografieren Sie auf einem Stativ einen hellen Hintergrund. – Und setzen Sie sich, bevor Sie das Resultat am PC angucken…

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